Meine Geschichte:
Erste Kontakte
Jemand sagte einmal: die gefährlichste Lüge sei die halbe Wahrheit. Wie wahr! Das lernte ich erst später begreifen.
Der Anfang folgender „Lektionen“ war eigentlich recht harmonisch. Ich war in einem grafischen Unternehmen tätig, dort lernte ich „die Wahrheit“ durch einen Kollegen kennen. Zuerst wurde der gute Hans – so hieß er – als Spinner belächelt, wenn er versuchte, uns rüdem Haufen die „Botschaft“ zu erzählen. Mit 19 Jahren war ich auch einer der Spötter, aber Hans war bereits geschult und vor allem geduldig. Er ließ nicht locker und blieb immer freundlich und war niemals verärgert. Das imponierte mir und einigen Kollegen sehr. So beeindruckte mich, wie Hans an seinen freien Tagen mutig an den Türen fremder Leute klopfte, um ihnen von einem Königreich, das bald kommen sollte, und von einem Paradies auf Erden erzählte. Im Laufe der Zeit ärgerte ich mich über Kollegen, die diesen herrlichen Zukunftsaussichten nur mit Spott und Hohn begegneten.
Diese Eindrücke waren sogar ausschlaggebend, daß ich noch schneller ein ZJ wurde. Mir gingen viele Bibelstellen durch den Kopf, die mir Hans erzählte. Davon imponierte mir besonders die Vorhersage Jesu über die Zerstörung Jerusalems. Die Erfüllung erfolgte 40 Jahre nach der Vorhersage durch Römische Heerscharen. Die Bibel erschien mir als interessantes Buch, das ich besser kennen lernen wollte.
Nun begann der für „Einsteiger“ übliche Lauf der Dinge. Zunächst der Besuch einer Zusammenkunft in dem Wiener Bezirk, wo Hans lebte.
Meiner Pflegemutter gefiel diese Entwicklung gar nicht. Daher warnte sie mich und meinte, ich solle mich doch nicht von einer Sekte umgarnen lassen. Da bezog ich zum ersten Mal Stellung. Also, die ZJ sind eine christliche Gruppe und haben mit einer Sekte überhaupt nichts zu tun! Das hatte ich schon gelernt: Sekte bedeutet „Ausschnitt eines Ganzen“, das wird durch das Wort „Sektor“ erkennbar. Da sich die Zeugen jedoch nicht von irgendeiner Kirche abspalteten, sind sie auch kein Sektor von diesen, ergo keine Sekte! So argumentierte ich zornig.
Ein bißchen verschüchtert ging ich zum ersten Mal mit Hans in seine Heimatversammlung, in den „Königreichssaal“. Ich harrte der Dinge, die da auf mich zukommen würden. Hans stellte mich jungen ZJ vor, und diese waren ausnehmend nett zu mir. Den Vortrag hielt ein „Kreisaufseher“, ein gebürtiger Däne. Der sprach recht gut deutsch, und er nahm die christlichen Kirchen besonders kritisch aufs Korn. Etwa mit dem Ausspruch Jesu, man soll sich von keinem Blinden führen lassen, denn dann fallen beide in eine Grube. Die Kirchenleute sind doch lauter Blinde, „laßt euch doch nicht von diesen führen und verführen!“ rief Bruder Pedersen in den Saal. Bei mir zuhause war man auf „die Kirchen“ auch nie gut zu sprechen, daher gefielen mir solche Ansichten.
Lächeln mußten die Anwesenden, als er folgende Bibelstelle zitierte: „du Fauler, nimm dir ein Beispiel an der fleißigen Ameise“. Der deutschen Grammatik folgend, ist von „der“ Ameise die Rede, der gute Mann hat dann immer nur von „der Ameise“ gesprochen: „…der Ameise zeigt uns, wie wir fleißig die Botschaft vom Königreich predigen müssen“. Die Lockerheit, mit der solche Versprecher hingenommen wurden, machte die Zusammenkünfte recht gemütlich, was mir jungem Menschen gefiel. Bei vielen Ansprachen wurde herzlich gelacht. Das erinnert mich an einen älteren Bruder, der die Vorzüge der „neuen Welt“ gegenüber der alten Welt, folgendermaßen verglich: „Die alte Welt ist wie ein Trauerhaus, die neue Welt wird dagegen wie ein Freudenhaus sein“. Diese Parabel ging buchstäblich in die Hose, das Gelächter der Zuhörer war bis zur Straße zu hören.
Später wurde ich selbst Opfer eines Versprechers. Wir blödelten oft und vertauschten in Wörtern die Buchstaben. So habe ich sogar den Ausspruch Jesu „…sammelt euch Schätze im Himmel, wo diese nicht durch Motte und Rost verzehrt werden“, so verkehrt, daß die Wörter „Rotte“ und „Most“ hießen. Peinlich war nur, daß mir das bei einem öffentlichen Vortrag genau so herausrutschte. Dazu kam, daß mir nach dem ersten Schreck nicht einfiel, wie das korrekt heißt. Ein Zuhörer half mir durch Zuruf. Plötzlich waren alle munter und hatten heitere Gesichter. Vorträge am frühen Nachmittag, ergehen häufig zu friedlich Schlafenden.
Noch so ein Versprecher: Anstelle von „Gnade“ übersetzt die „Neue-Welt-Übersetzung“ der ZJ, dieses an sich verständliche Wort, mit „unverdienter Güte“. Im Scherz veränderte ich dies auf „unverdünnte Giete“. Als mir dies bei einem Vortrag so über die Lippen kam, gab ich diesen zweifelhaften Humor auf.
Doch bevor ich über die Zeit als Vortragsredner berichte, komme ich zurück zu meinem Einstieg „in die Wahrheit“.
Lauter aufrichtige Menschen
Inzwischen war mir der Besuch in einem anderen Bezirk zu beschwerlich, daher beschloß ich, den Königreichssaal in meinem Heimatbezirk aufzusuchen. Dieser befand sich in einem Keller. Bevor ich in Tiefe hinabstieg, vergewisserte ich mich noch beim Haustor, ob nicht zufällig irgendein Bekannter mich dort beobachtet. Das wäre mir, auch bei wachsender Sympathie zu den Zeugen, immer noch peinlich gewesen. Diese ängstliche Einstellung legte sich aber nach einiger Zeit.
An diesem Sonntag waren zum öffentlichen Vortrag schon viele Zuhörer anwesend. Mir blieb nicht verborgen, daß die älteren Leute, vornehmlich Frauen, ihre Blicke verstohlen auf mich richteten. Der Bann war jedoch bald gebrochen, als Richard zu mir kam. Dieser getaufte Zeuge Jehovas war ungefähr in meinem Alter. Nachdem er sich vorgestellt hatte, fanden wir auch schnell zu einem Thema, das uns beide interessierte. Richard war nicht zufällig zu mir gekommen. Wie ich später entdeckte, wird alles von wachsamen „reifen“ Brüdern gesteuert. Wie auch immer, mit Richard verstand ich mich prächtig und die Freundschaft, die uns auch später verband, war auf meinem Weg in dieser Gemeinschaft äußerst wichtig. Nicht nur für mich, auch für Richard.
Das Heimbibelstudium
Mein Kollege Hans hatte schon entsprechend interveniert und so wurde ich „Interessierter“ der Schwester Maria zugeteilt. Sie sollte mit mir ein „Heimbibelstudium“ durchführen. Sie ist einige Jahre älter als ich, verheiratet und hatte eine hübsche Tochter. Regelmäßig wurde ich nun mit der Bibel vertraut gemacht. Im Vordergrund des „Studiums“ stand aber nicht die Bibel allein, wie ich erwartete, sondern ein Buch der WTG. In einem eher primitiven Verfahren, gibt es für die einzelnen Absätze Fragen in den Fußzeilen, die Antworten kann sich der „Schüler“ markieren. Diese werden aus dem jeweiligen Absatz herausgelesen. Mit dieser simplen Methode, lernte ich nebenbei auch noch Teile der Bibel kennen. Erst Jahre später wurde mir klar, daß ich den Bibelinhalt wohl auch aufnahm, jedoch genau in der vorgegebenen Auslegung der WTG. Es ist eine unrichtige Ausdrucksweise der ZJ, diesen Anfang mit den Vortragsbesuchen und dem Heimbibelstudium, als „in die Wahrheit kommen“ zu bezeichnen. Ein Christ sollte eigentlich immer über die „ganze Wahrheit“ informiert werden. Nicht nur die Stärken der Gruppe sollten offen gelegt werden, sondern auch die Schwächen. Ich kann heute meiner „Lehrerin“, Schwester Maria, keinen Vorwurf machen, denn sie kannte auch nicht die ganze Wahrheit. Die Irrtümer und Falschprophezeiungen der WTG, blieben immer ein sorgsam behütetes Geheimnis. Die Literatur Russells und seines Nachfolgers Rutherford verschwanden weltweit immer mehr aus den Versammlungsbibliotheken. Bald erfuhr ich auch, daß die früheren überholten Ansichten als „altes Licht“ bezeichnet wurden, manchmal als „alte Wahrheit“. Wird Licht „neuer“ oder Wahrheit „wahrer“? Doch solche Fragen stellte ich mir nicht.
Ganz langsam wechselte ich meinen Freundeskreis. Mit Hans hatte ich einen guten Gesprächspartner in der Firma. In der Freizeit pflegte ich enger werdende Kontakte zu Richard. Beim „Studium“ mit Maria und dem WTG-Buch, machte ich gute Fortschritte. Sie hatte aus den Büchern der „Gesellschaft“ – wie die WTG intern genannt wird – gut gelernt. Sie sparte nicht mit Lob über meine große „Erkenntnis“, das ist ein Schlüsselwort bei den ZJ. Überhaupt sind bestimmte Wörter quasi Fachtermini für die Anhänger. Man lernt eine neue, von der Gemeinschaft geprägte, Sprache ‑ die „reine Sprache“. Bei ähnlich gearteten Gemeinschaften ist das nicht anders.
Auf in den „Felddienst“
Nachdem ich schon so viel Erkenntnis erworben hatte, meinte Maria, ich wäre eigentlich reif genug für den Felddienst. Zuerst dachte ich, das mag wohl irgend eine Hilfeleistung bei einem Landwirt sein, der auch Zeuge ist. Mein Irrtum wurde freundlich korrigiert, nein, das ist keine Feldarbeit auf dem Land, sondern der Predigtdienst. Das Wort „Felddienst“ ist den Gleichnisreden Jesu entliehen, wenn von gottsuchenden Menschen gesprochen wird: „die Felder sind schon reif zur Ernte“.
Nun war ich reif genug, um Ernte, in Form von Menschen, einzubringen. Mein erster Einsatz erfolgt im Landgebiet südlich von Wien. Ich wurde einem älteren Bruder zugeteilt, der mich im „wichtigsten Werk dieses Jahrhunderts“, dem weltweiten Predigtwerk, einschulte. Die Taktik war genau vorgegeben. Gute Kleidung, höflich, beharrlich bleiben und den Leuten möglichst auf die Nasenwurzel blicken. Wenn diese an den Wohnungstüren fragen, von welcher Gemeinschaft man kommt, dann erfolgt meist eine schlaue Hinhaltetaktik: „Wir kommen von einer christlichen Gemeinschaft“, das genügt. Meine Frage, warum wir nicht gleich „Zeugen Jehovas“ sagen, beantwortet mein „Ausbildner“ ganz trocken: „dann schmeißen uns die Leute gleich ihre Haustüre auf die Nase“. Aha, jetzt habe ich wieder dazugelernt.
Die systematische Schulung der ZJ ist effektiv. Schon beim ersten Besuch an der Wohnungstüre, muß die Grundlage für den Erfolg gelegt werden. Das wird in den Zusammenkünften gelehrt und trainiert. Wie dies zu geschehen hat, wird immer wieder in dem monatlich erscheinenden internen Mitteilungsblatt, „Unser Königreichsdienst“, gezeigt ‑ ein gutes Beispiel ist in der Ausgabe November 1992, S. 4:
Wirkungsvolle Rückbesuche sind leichter durchzuführen, wenn wir beim ersten Besuch die richtige Grundlage legen. Das Unterredungs-Buch kann uns dabei helfen.
Sage nach einer freundlichen Begrüßung:
„Wir stellen fest, daß heute immer mehr Menschen unsicher sind, wo sie praktische Antworten finden können, um die zunehmenden Probleme des Lebens zu lösen. Haben Sie das auch schon festgestellt? [Räume Gelegenheit zum Antworten ein.] Früher suchten die Menschen in der Bibel Hilfe. Doch heutzutage melden viele ihre Zweifel an. Wie denken Sie über die Bibel?“ Wenn sich der Wohnungsinhaber skeptisch über deren Glaubwürdigkeit äußert, nimm das Traktat Warum man der Bibel vertrauen kann heraus, und lies den zweiten und dritten Absatz auf Seite 2 vor. Glaubt der Wohnungsinhaber dagegen, daß die Bibel Gottes Wort ist, schlage die im zweiten Absatz auf Seite 2 des Traktats angeführten Bibeltexte auf, lies sie vor, und besprich sie kurz mit ihm.
Sollten in deinem Gebiet viele keinen Glauben bekunden, dann versuche die siebte Einleitung auf Seite 10 des Unterredungs-Buchs entsprechend anzupassen, um ihr Interesse zu wecken.
Du könntest sagen:
„Angesichts der vielen Konflikte, die es gegenwärtig in der Welt gibt, fällt es vielen aufrichtigen Menschen schwer, an Gott zu glauben. Und manche, die an ihn glauben, sind dennoch nicht davon überzeugt, daß er unsere Probleme lösen kann. Wie denken Sie darüber? [Räume Gelegenheit zum Antworten ein.] Beachten Sie, was in diesem Traktat über die Menschen, die Wissenschaft und die Bibel gesagt wird.“ Lies dann vom fünften Absatz an auf Seite 3 des Traktats Warum man der Bibel vertrauen kann.
Stelle Fragen aus dem Traktat, um deinen nächsten Besuch vorzubereiten: Plane dahingehend, daß dein erster Besuch nur der Anfang einer Reihe fruchtbarer Besuche ist. Denke nicht, daß du viele Einzelheiten behandeln müßtest; beende deinen Besuch aber auch nicht so abrupt, daß der Wohnungsinhaber glaubt, du seist nicht wirklich an ihm interessiert. Nachdem zwei oder drei Absätze aus dem Traktat gelesen wurden, stelle eine Frage, die beim nächsten Besuch beantwortet werden kann.
Du könntest zum Beispiel die Aufmerksamkeit auf den dritten Absatz auf Seite 4 lenken und fragen: „Glauben Sie, daß die Bibel genügend Beweise liefert, um dem Vertrauen zu schenken, was sie über die Zukunft sagt?“ Auf diesen Punkt kannst du dich beim Rückbesuch beziehen, und in dem Buch Die Bibel — Gottes oder Menschenwort? die Kapitel 9 und 10 betrachten.
Wenn der Wohnungsinhaber aufrichtig interessiert ist und die dargelegten Gedanken allem Anschein nach wirklich schätzt, könntest du schon beim ersten Besuch das Gottes-Wort-Buch anbieten, und sofern es die Situation rechtfertigt, auch die Neue-Welt-Übersetzung. Wenn jemand nach den Kosten fragt, dann erkläre kurz, daß unsere Veröffentlichungen Teil eines weltweiten biblischen Schulungsprogramms sind, das durch Spenden unterstützt wird.
Wenn wir jeden Wohnungsinhaber als möglichen Jünger betrachten, werden wir uns bemühen, in unseren abschließenden Bemerkungen die Grundlage für einen Rückbesuch zu legen.
Eine moderne Rattenfängermethode? Jedenfalls eine effektive. Bücher und Bibel, aus dem „firmeneigenen“ Verlag, werden geschickt angepriesen und weltweit in Millionenauflage vertrieben. Durch professionelle Schulung erwirbt der kostenlos arbeitende „Verkündiger“ die nötigen Kenntnisse modernen Hausierens. Selbstbewußtsein zu erlangen wird ebenfalls eingeschult, etwa mit dem Slogan: „Denkt immer positiv!“.
In jungen Jahren hatte ich Hemmungen mit fremden Leuten Kontakt aufzunehmen, oder gar zu diskutieren, bei den ZJ lernte ich diese Scheu abzulegen.
Mit der Zeit konnte ich immer besser kniffligen Fragen mittels langatmiger Schachtelsätze ausweichen. Heute denke ich beim Zuhören von Politikerinterviews in den Medien, die müssen eine ähnliche Schulung genossen haben, wie ich sie erhielt. Über die Erlebnisse an den Türen, könnte jeder ZJ dicke Bände schreiben. Da Erfolge äußerst dürftig sind, gewöhnte ich mir eine fast fatalistische Gelassenheit an. Fühlte man sich niedergeschlagen und trübsinnig, dann tröstete man sich mit Sätzen aus der Bibel. Beispielsweise mit den Jesusworten: „ihr werdet um meines Namens willen gehaßt werden“, oder, bei Abweisung an den Türen: „dann schüttelt den Staub von euren Füßen und geht weiter zum nächsten Haus“. Auch der Mißerfolg wird einprogrammiert. Wie im Sport lernt man das „Hinfallen“, ohne sich selbst Schaden zuzufügen. Da es den meisten Christen schwer fällt, über ihren Glauben zu sprechen, ist ihnen der ZJ überlegen. Das hilft ihnen über manche Mißerfolge hinweg, sie sagen dann: das hat mich wieder „auferbaut“.
Nicht allen Verkündigern gelingt dies. Hat einer Probleme am Arbeitsplatz oder in der Familie und zusätzlich Mißerfolge im Predigtdienst, dann führt dies häufig zum Nervenzusammenbruch. Die psychischen Probleme sind bei vielen ZJ ganz offensichtlich, dazu später mehr.
Gemeinschaft kann gefährlich werden
So lautet die Überschrift eines Faltblattes, das seit einiger Zeit vom „Ministerium für Unterricht“ in Österreich verbreitet wird. In 17 Punkten werden Schritte gezeigt, wie ein Mensch in die Abhängigkeit der Sekten gerät. Die Zusammenstellung ist Resultat einer internationalen Befragung von Psychologen, wie und wodurch ein Mensch überhaupt in Abhängigkeit gerät. Die ausgewählten Psychologen haben ihre Erfahrungen mit Sektenopfern eingebracht. Aus heutiger Sicht muß ich sagen, daß alle angeführten 17 Punkte ihre Entsprechung auch bei den ZJ, besser: in der „Wachtturm Organisation“, haben.
Im ersten Punkt dieses Faltblattes, wird gleich eine der Motivationen genannt, warum suchende Menschen sich schnell für solche Gemeinschaften begeistern können:
"Bei der Gruppe findest Du 100%ig das, was Du bisher vergeblich gesucht hast. Sie weiß genau, was Dir fehlt."
Und genau auf diese Sehnsucht, die bestimmt viele Menschen bewegt, sind Gruppen wie die ZJ programmiert ‑ sie haben die Lösungen aller Probleme parat. Sie kennen den Weg, wie diese Sehnsucht befriedigt wird, ganz genau. Da viele Verheißungen für künftige Aussichten im metaphysischen Bereich liegen, fühlen sich Menschen mit lebhafter Phantasie, sofort angesprochen. Solche, die z.B. gerne Zukunftsromane lesen oder Science-fiction Filme lieben, werden sich eher den Scientologen zuwenden. Wer jedoch eine Lösung aller Probleme dieser Welt im rein religiösen Bereich sucht, fühlt sich schnell bei den ZJ wohl und geborgen.
Zuerst wird der Einsteiger mit „Jehova Gott“ vertraut gemacht, dieser löst alle Probleme, er wird dich zum ewigen Leben direkt ins Paradies führen, so hörte ich es oft.
Sicherlich, das zeigt auch die Bibel, alle Not und Mißstände wird Gott durch seinen Sohn beseitigen. Ähnliches wird anfänglich auch in den Vordergrund gerückt. Doch wenn man „angebissen“ hat, werden gleichzeitig auch gewisse Zweifel eingestreut. Später habe ich in Vorträgen gern den Ausspruch Jesu zitiert (den ich vorhin schon anführte, nun aber ohne Buchstabenvertausch). Direkt aus der „Neuen-Welt-Übersetzung“ der WTG:
Matthäus 6:19-20 19: Hört auf, euch Schätze auf der Erde aufzuhäufen, wo Motte und Rost [sie] verzehren und wo Diebe einbrechen und stehlen. 20 Häuft euch vielmehr Schätze im Himmel auf, wo weder Motte noch Rost [sie] verzehren und wo Diebe nicht einbrechen und stehlen.
Heute schäme ich mich, daß ich bei Ansprachen den Vergleich eines WT anführte: Wenn wir im Predigtdienst fleißig sind, dann fühlt sich Gott gewissermaßen „verschuldet“ und dadurch wächst unser „Guthaben“ am „himmlischen Konto“. Mit dieser Argumentation wird eindeutig die falsche Fährte gelegt. Solche Gedanken gehen aus dem eben zitierten Jesu-Wort nicht hervor!
Wer nicht die Hauptaussagen der christlichen Bibel kennt und mit diesem Nichtwissen bei den Zeugen einsteigt, bleibt sogar nach einem freiwilligen Ausstieg von ihnen in diesem Leistungsdenken verhaftet. Zu sehr prägt sich das ein: „ich muß was für Gott tun“, oder wie es eine eifrige Predigerin der ZJ sagte: „ich renne um mein Leben“. Die trostreichen biblischen Aussprüche über die Gnade Gottes, z.B. im Römerbrief von Paulus, werden kaum beachtet und meist überlesen.
"Schon der erste Kontakt eröffnet Dir eine völlig neue Sicht der Dinge."
So heißt es im besagten Faltblatt dann weiter. Nachdem das Heimbibelstudium bei mir Wirkung zeigte, hatte sich mein Weltbild bereits verändert. Ich fühlte mich immer besser.
War ich doch den anderen – den „Weltmenschen“ – bereits weit überlegen. Die blieben blind, ich wurde sehend. Diesen Erfolg verdankte ich der „von Gott gebrauchten Organisation.“ Anfänglich behagten mir solche Aussagen, in Wort und Schrift, bei den Zeugen gar nicht. Aber so wie steter Tropfen den Stein aushöhlt, ähnlich geschah dies auch in meinem Kopf. Bei mir begann die Indoktrinierung ihre Wirkung nicht zu verfehlen.
"Das Weltbild der Gruppe ist verblüffend einfach und erklärt jedes Problem"
Kam mir die Welt vor dem Einstieg schon schlecht vor, nach dem „Studium“ wurde sie noch weit schlechter. Ich hatte schon gelernt, wer und was nun „gut“ oder „böse“ ist. Das gipfelte im gemeinsamen Nenner der ungefähr so aussieht: Die Organisation Jehovas ist gut, alles was draußen ist, ist automatisch schlecht. Dieses Feindbild wird in fast jeder Ansprache und in den WT-Schriften fest eingebleut. Eine alte und bewährte Methode. Eigentlich sollte das den WT-Leuten auch bekannt sein. In der Zeitschrift „Erwachet!“ (22.1.1990, S.10), wurde der Propagandamißbrauch „in dieser bösen Welt“ einmal angeprangert und dazu wurde sogar aus Hitlers „Mein Kampf“ zitiert:
„Propaganda wird zu keinem Erfolg führen, wenn nicht ein fundamentaler Grundsatz immer gleich scharf berücksichtigt wird. Sie hat sich auf wenig zu beschränken und dieses ewig zu wiederholen. Die Beharrlichkeit ist hier wie bei so vielem auf der Welt die erste und wichtigste Voraussetzung zum Erfolg… nur einer tausendfachen Wiederholung einfachster Begriffe wird sie [die Masse] endlich ihr Gedächtnis schenken. Jede Abwechslung darf nie den Inhalt des durch die Propaganda zu Bringenden verändern, sondern muß stets zum Schlusse das gleiche besagen. So muß das Schlagwort wohl von verschiedenen Seiten aus beleuchtet werden, allein das Ende jeder Betrachtung hat immer von neuem beim Schlagwort selber zu liegen“ (Mein Kampf von Adolf Hitler).
Die Artikelschreiber, die solche Zitate in ihre Texte einbauen, sind sich gar nicht bewußt, daß sie selbst Opfer dieser Methode sind und diese gleichzeitig bei anderen anwenden. Keiner denkt sich dabei etwas Böses.
"Es ist schwer, sich ein genaues Bild von der Gruppe zu machen. Du sollst nicht nachdenken und prüfen. Deine neuen Freunde sagen: „Das kann man nicht erklären, das mußt Du erleben – komm gleich mit in unser Zentrum.“" (Faltblatt)
Die Zentren der ZJ sind primär ihre Versammlungssäle und die Kongreßveranstaltungen. Hier wird geschult und „auferbaut“, ein beliebtes Wort. Das Vertrauen zu dieser Gemeinschaft – der Organisation – muß gestärkt werden. Das erfolgt natürlich gesteuert. Nochmals ein Zitat aus „Unser Königreichsdienst“ vom April 1997. Bemerkenswert wie in Profimanier und raffinierter Weise die Suchenden in eine Organisation (!) gelenkt und in diese einverleibt werden:
Studierende zu der Organisation führen: „Es ist eine Botschaft in über 200 Sprachen. Eine Botschaft in über 210 Ländern. Eine Botschaft, die überall Menschen persönlich überbracht wird. Der größte Predigtfeldzug, den die Welt je gesehen hat… Eine Botschaft, die Millionen weltweit vereinigt. Seit über 100 Jahren führen Jehovas Zeugen dieses Werk organisiert durch!“
So lauten die einleitenden Worte des Videos Jehovas Zeugen — Die Organisation, die hinter dem Namen steht. Im Video werden dann weitere Fragen beantwortet: Wer sind Jehovas Zeugen eigentlich? Wie wird ihre Tätigkeit organisiert, geleitet und finanziert? Wer sich dieses Video ansieht, ist davon beeindruckt, daß „Jehovas Zeugen… weltweit als Organisation geschult worden [sind], ihren Mitmenschen behilflich zu sein, Glauben an die Bibel zu gewinnen“, und wird ermuntert, die Organisation hinter unserem Namen selbst zu sehen. Nachdem eine Frau, die die Bibel studiert, das Video gesehen hatte, brach sie vor Freude und Dankbarkeit in Tränen aus und sagte: „Wie könnte jemand daran zweifeln, daß es sich um die Organisation Jehovas, des wahren Gottes, handelt?“ (Vergleiche 1. Korinther 14:24, 25.)
Eine schöne heile Welt findet man allein nur in dieser Organisation. Das entspricht auch der Bibel, wird scheinbar ehrlich argumentiert. Auch im Zitat oben endet der letzte Satz mit einem Bibelhinweis, den fast kein ZJ nachprüft, das wird einfach geglaubt. Dabei steht in dieser Stelle nichts, was den vorhergehenden Gedanken stützen würde. Nach der NW-Ü.:
1. Korinther 14:24-25 24: Wenn ihr aber alle prophezeit, und ein Ungläubiger oder ein gewöhnlicher Mensch kommt herein, wird er von ihnen allen überführt, er wird von allen genau beurteilt; 25 das Verborgene seines Herzens wird offenbar, so daß er auf [sein] Angesicht fallen und Gott anbeten wird, indem er erklärt: „Gott ist wirklich unter euch.“
Wer sich die Mühe macht, den Textzusammenhang zu lesen, der hört primär die Mahnung des Apostel Paulus heraus, keinen Durcheinander in den Versammlungen zu dulden. Herrscht Ordnung in den Versammlungen, dann mögen Ungläubige beeindruckt werden, meinte Paulus. Ausdrücke wie „Organisation Gottes“, sind der Bibel jedoch völlig fremd. Durch die oftmalige Wiederholung solcher Wortgruppen – in „hitlerscher“ Manier – denkt man, dies entspricht alles genau der Bibel. Den ZJ-Mitläufern wird eingetrichtert: du bist mit der wahren Organisation Gottes verbunden! Dazu könnten eine Vielzahl von Zitaten aus den WT-Heften angeführt werden. Im WT vom 1.9.1998, unter der Überschrift „Als Teil der Organisation Gottes in Sicherheit bleiben“, kommen unzählige Male immer wieder die beiden Wörter „Gottes Organisation“ vor. Auf den Seiten 10 u. 11 schafft der Artikelschreiber einen Rekord. Denn da wird das Wort „Organisation“ gleich 23mal gebraucht und das auf nur zwei Seiten. Eine Abbildung zeigt zusätzlich einen gut besetzten Königreichssaal, die Bildlegende dazu: „Durch Jehovas Organisation wird für die vorzüglichste geistige Speise gesorgt“. Kein Superlativum wird ausgelassen, das Eigenlob der WTG begleitet die Anhänger unaufhörlich. In skrupelloser Weise wird die Organisation sogar in direkte Verbindung mit dem Glauben gebracht; eine fettgedruckte Überschrift im WT, 1. Juni 1979, S. 12 lautet:
„Der Glaube an Gottes siegreiche Organisation“, nun suche man nach einem Bibeltext, der so etwas belegen könnte.
Viele Außenstehende mögen nun fragen: wie ist das alles nur möglich? Wird man nicht gerade durch das Einpaukersystem mißtrauisch? Im Nachhinein frage ich mich das auch sehr oft. Hier spielt ein ebenso raffinierter wie einfacher Trick eine wichtige Rolle. Als eine der ersten „Warnungen“ wird einem „Interessierten“ folgendes beigebracht: „Wenn Sie jetzt mit uns die Bibel studieren und beginnen, die Wahrheit anzunehmen, wird Satan alle Hebel in Bewegung setzen, um Sie von der Wahrheit fernzuhalten. Dabei wird er Ihre engsten Vertrauten ‑ ihre Freunde, nahe Verwandte u. dgl. ‑ einsetzen. Diese werden sich von ihm gebrauchen lassen, um Sie zu bewegen, sich möglichst schnell von uns ZJ, zu trennen …“ Damit wird eine ganz natürliche Reaktion des Umfeldes jener Personen wie eine Voraussage benutzt. Ziemlich sicher tritt eine derartige Situation auch ein. Der Neuling fühlt sich bestätigt und die Bindung wird fester.
"Dieser Organisation fehlt eine „Opposition“. Kritik wird schon im Keim erstickt und ausgeschaltet. Denn: Die Gruppe hat einen Meister, ein Medium, einen Führer oder Guru, der allein im Besitz der ganzen Wahrheit ist."
Bei den ZJ heißt der „Guru“ jedoch „Sklave“ oder die „Sklaven‑Klasse“, vertreten durch die „leitende Körperschaft“, die „die Wahrheit“ durch WTG‑Publikationen und durch ihre „reisenden Aufseher“ vermittelt. Daher sind bei den ZJ geflügelte Worte: „wir haben die Wahrheit“; wir sind „in der Wahrheit“ und ähnliche mehr. Wer noch das „Wahrheitsministerium“ in Orwells Roman „1984“ (geschrieben 1948) belächelte, dubiose Gemeinschaften haben dieses längst erfunden. Steven Hassan, ein ehemaliges leitendes Mitglied der „Vereinigungsbewegung“ (Mun-Sekte) beschreibt die Methodik „seiner“ Kirche in dem Buch (vergriffen): „Ausbruch aus dem Bann der Sekten“. Die Parallele zu den ZJ – und wahrscheinlich vieler anderer Gemeinschaften – ist dabei unübersehbar. Bei der WTG liest sich das so:
Der Wachtturm und Erwachet! – aktuelle Zeitschriften der Wahrheit: Jehova ist der „Gott der Wahrheit“ (Psalm 31:5). Sein Wort, die Bibel, ist ein Buch der Wahrheit (Johannes 17:17). Aufrichtige Menschen reagieren günstig auf die Wahrheit. (Vergleiche Johannes 4:23, 24.) Der Wachtturm und Erwachet! erreichen unter anderem deshalb das Herz von Millionen Lesern, weil es sich um Zeitschriften handelt, die sich der Rechtschaffenheit und der Wahrheit verschrieben haben. Es hatte mit der Frage der Loyalität gegenüber der biblischen Wahrheit zu tun, daß es überhaupt zur Veröffentlichung des Wachtturms kam. (WT, 1.1.1994, S. 20)
Einige ZJ, die schon lange Zeit bei der „Gesellschaft“ sind, erleben immer wieder gewisse Änderungen, mitunter recht einschneidende. Denjenigen, die ihr eigenes Denken noch nicht gänzlich aufgegeben haben, stellt sich die Frage, ob denn wirklich alles der Wahrheit entspricht. Solche Bedenken wischt der WT ganz einfach mit wenigen Sätzen vom Tisch:
Gebt dem Teufel nicht Raum! Ja, Jehovas Volk mußte von Zeit zu Zeit seine Erwartungen revidieren. Wegen unseres Eifers erhofften wir das neue System früher, als es nach Jehovas Zeitplan vorgesehen ist. (WT, 15.3.1986, S. 19-20)
Aus Irrtum – also schlicht Unwahrheit – wird „Eifer“. In dieser Tonart geht es weiter:
Wie töricht, die Ansicht zu vertreten, Erwartungen, die einer gewissen Korrektur bedurften, würden die Gesamtaussage der Wahrheit in Frage stellen! Die Beweise liegen auf der Hand, daß sich Jehova seiner einen Organisation, in der der „treue und verständige Sklave“ die Führung innehat, bedient hat und weiterhin bedienen wird. Wir empfinden wie Petrus, der sagte: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens“ (Johannes 6:68).Nur in dem geistigen Paradies — unter Jehovas Zeugen — können wir die selbstaufopfernde Liebe finden, an der, wie Jesus sagte, seine wahren Jünger zu erkennen sind (Johannes 13:34, 35).
Welche Beweise? Sind „wir“ denn Petrus? Ist der zitierte „Herr“, den Petrus mit „Du“ anspricht, die „Organisation Jehovas“?
Längst hatte ich das eigene Denken zugunsten der Organisation geopfert. Überhaupt dem Mythos des „treuen und verständigen Sklaven“ bin ich erlegen. Keine Kirche oder Gemeinschaft kann die Bibel richtig erklären, heißt es immer wieder. Haben diese doch nicht den „treuen Sklaven“!