Erinnerungen an eine autoritäre Religionsgemeinschaft

Der Ausschluß

 

Auch mein Chef begann die Organisation kritisch zu betrachten. Ich weiß erst heute, wie wichtig es ist, in einer solchen Phase der Unsicherheit, die mit vielen Ängsten verbunden ist, nicht alleine zu sein. Mit entsprechendem finanziellen Hintergrund ausgestattet, konnte der Chef sich abreagieren, indem er ein Buch über seinen Glauben zu schreiben begann. Dabei hat er nicht die Absicht, die WTG ins Visier zu nehmen. Es stand hinter seinem Vorhaben sicherlich der jahrzehntelange eingepaukte Drang, die „Botschaft“ predigen zu müssen. Er bat mich, die Satzherstellung und den Druck zu überwachen, aber auch die Inhalte des Manuskripts zu beurteilen. Auch andere Mitarbeiter die aus der „Hürde“ der WTG kamen, durften mitreden. Da wurde mir erstmals bewußt, wie schwierig es ist, manche Bibelstellen „neutral“ zu beurteilen und auszulegen, ohne auf bereits vorliegende Literatur zurückzugreifen. Es kam bei den Diskussionen über den Inhalt des künftigen Buches, zwangsläufig auch zu kritischen Gesprächen über die WTG. Wir wollten künftig nicht mehr glauben, was uns der Sklave als „geistige Speise“ auftischte. Die Fertigstellung des Buches brauchte eine „Ewigkeit“, weil wir „Bibelkenner“ immer wieder unseren „Senf“ dazugeben wollten. In Anlehnung an ein Sprichwort könnte man sagen: „Viele Bibelköche verderben den Brei“. Daher hat die WTG auch ihre eigene „Küche“ und eigene „Köche“. Damit weltweit Einheit herrschen kann, beansprucht sie das Monopol für die Bibelauslegungen und die Anhänger haben ganz einfach zu „spuren“.

Unser Chef hat zuletzt den Inhalt seines Buches kurzerhand ohne Berater fertiggeschrieben. Ich half bei der Fertigstellung, es erschien im Eigenverlag, der Titel: „Dem wahren Zweck des Lebens auf der Spur“. Der Boss hatte nun die Möglichkeit – bei Gesprächen mit Geschäftsfreunden – etwas anderes als nur die Literatur des Sklaven anzubieten. Gleichzeitig stillte er sein Bedürfnis, weiterhin als Verkündiger der biblischen Botschaft wirken zu können.

 

Ich machte einen Besuch im firmeneigenen Konstruktionsbüro, ein tüchtiger Mitarbeiter war dort, Bruder Fucek, ebenfalls ein ehemaliger Kreisaufseher. Kurt meinte einmal verächtlich: „in eurer Firma landen alle verkrachten Existenzen unserer Organisation, danach fallen sie von ihr ab“. Auch das kam vor. Wenn ich erwähnte, die WTG-Bibelauslegungen seien vom Gutdünken Einzelner abhängig, möchte ich das nun begründen: F. erzählte mir von einem Erlebnis, das ihn seither nicht mehr losließ. Als er in der Zentrale in Brooklyn war, suchte er eines abends in der Bibliothek nach einem bestimmten Buch. Dort hörte er hinter der Bücherwand die Stimme vom WTG-Präsidenten Knorr. Dessen Gesprächspartner waren seine späteren Nachfolger als WTG-Präsidenten, Fred Franz und Milton Henschel.       F. war brennend daran interessiert, die Gespräche der „vom Geist Gottes geleiteten Führung“ mit anhören zu können. Fred Franz sprach dabei über einen Text des Propheten Jesaja (60, 8-10). Der Lauscher an der Wand bekam nun mit, daß dieser Text für die Hauptaussage eines WT-Hauptartikels dienen sollte. Die etwas komplizierte Jesaja-Aussage liest sich in der WT-Bibel so:

 

Jesaja 60:8-10: Wer sind diese, die geflogen kommen so wie eine Wolke und wie Tauben zu ihren Taubenschlägen? 9 Denn auf mich werden die Inseln selbst fortwährend hoffen, die Schiffe von Tarschisch auch wie zuerst, um deine Söhne von fern her zu bringen, wobei ihr Silber und ihr Gold bei ihnen ist, zum Namen Jehovas, deines Gottes, und zum Heiligen Israels, denn schön wird er dich gemacht haben. 10 Und Ausländer werden in der Tat deine Mauern bauen, und ihre eigenen Könige werden dir dienen;

 

F. fiel auf, daß die drei Prominenten sehr heftig diskutierten, was die „Tauben“ darstellen. Nach längerem Disput stellte Franz dann die ultimative Frage: „Und was soll ich nun schreiben?“. Dann einigten sich die Glieder der „leitenden Körperschaft“, daß die „Tauben“ ein Bild der „großen Volksmenge“ sind, die am Ende der Tage (in unserer Generation) als ZJ mit irdischer Hoffnung in Erscheinung treten. Das ist zwar ein Abweichen von Russell, der diesen Text noch mit der Wiederherstellung Israels in Zusammenhang brachte. Die im Vers 9 erwähnten „Inseln“, waren bei Russell ein „Sinnbild von Republiken“. Seinen Nachfolgern ist die Phantasie jedenfalls auch nie ausgegangen.

Hier muß deutlich festgestellt werden: solche Exegeten sind keine Förderer des Bibelglaubens. Im Gegenteil, sie degradieren die Bibel zu einem simplen „Traumdeuterbuch“, aus dem jeder herauslesen kann, was ihm gerade gefällt. Wenn es nur das private „Hobby“ dieser Bibeldeuter wäre! Nein, diese Deutungen müssen ihre Anhänger als eine Art „himmlische“ Botschaft akzeptieren. Als F. noch in Brooklyn weilte, war in einem WT (englisch) genau das abgedruckt, was in der Bibliothek „ausgehandelt“ wurde. F. meinte lächelnd: „ich wurde damals völlig desillusioniert“. Denn in seiner – aber nicht nur seiner – Phantasie hatte er sich immer vorgestellt, daß die WT-Schreiber ihre Eingaben direkt vom heiligen Geist bekämen. Daß diese „biblischen Wahrheiten“ in einem „small talk“ auf den mächtigen Sofas ihrer Bibliothek „erarbeitet“ werden, hatte seinen Glauben an diese göttliche Organisation nachhaltig erschüttert. Jedenfalls blieb die genannte Auslegung auch in den folgenden Jahren erhalten, sie wurde nicht durch „neues Licht“ ersetzt. Wie die USA-Exegeten aus Jesajas „Tauben“ märchenähnliche „Erfüllungen“ konstruieren, soll ein WT jüngeren Datums – als Beispiel – zeigen:

 

Die theokratische Verwaltung in der christlichen Ära: Die große Volksmenge setzt sich aus den „anderen Schafen“ zusammen, die Jesus im Gleichnis von den Schafhürden erwähnte (Johannes 10:16). Die anderen Schafe strömen seit 1935 in die Organisation Jehovas. Sie „kommen so wie eine Wolke und wie Tauben zu ihren Taubenschlägen“ (Jesaja 60:8). Da die große Volksmenge ständig wächst, die Gruppe der Gesalbten dagegen kleiner wird, weil viele sterben und damit ihren irdischen Lauf vollenden, spielen befähigte andere Schafe eine immer größere Rolle im christlichen Werk. In welcher Hinsicht? (WT, 15.5.1997, S. 17-18).

 

Für einen Nicht-ZJ mögen diese WT-Sätze wie mehrdeutige Orakelsprüche klingen. Jedenfalls „befähigte andere Schafe“ gibt es in dieser Organisation mehr als genug, könnte man sarkastisch hinzufügen. Ich gehörte noch dazu, aber nicht mehr lange.

Die meisten ZJ „saugen“ die Aussagen aus den WT-Schriften ehrfurchtsvoll in sich hinein. Ihnen wird nicht bewußt, daß mit ihnen und auch mit der „Heiligen Schrift“ – in unheiliger Weise – Schindluder getrieben wird. Nachdem ich häufig die Zusammenkünfte der Versammlung schwänzte – ebenso die genannten Kollegen und auch der Chef – wurde man von „Oben“ auf uns aufmerksam. Heute vermute ich, daß uns gezielt ein spezieller „Kreisaufseher“ zugeteilt wurde. Es war dies Gerrit Lösch. Dieser war spezialisiert für „Fälle“, wie den unseren. Er erzählte mir später, daß er dafür in „Gilead“ besonders geschult wurde, Zweiflern an den WT-Lehren behilflich zu sein. Kann er uns „wiederherstellen“, wie es jetzt so schön heißt? Bei seinem Besuch in meiner Versammlung, begann Gerrit die Stundenzahl meiner Predigttätigkeit aus der Kartei zu ermitteln. Da war inzwischen Ebbe eingekehrt und das verursacht für einen Kreisaufseher erhöhten Handlungsbedarf. Auf die Frage, warum ich nun so „müde“ im Dienst geworden sei, versteckte ich mich nicht mehr, sondern sagte frei heraus, was mich bedrückte.

Danach folgten an Gerrits freien Tagen eine Besuchsserie bei mir zuhause. Ich bin mir heute sicher, daß die Gespräche auch den ehemaligen prominenten Männern der WTG in unserer Firma als Warnung dienen sollte. Der Weggang meines reichen Chefs tat ihnen besonders weh, war er doch auch ein edler Spender vieler blauer Scheine an die Adresse der Gesellschaft.

 

Gerrit schrieb mir einige Briefe. Darin strotzte es von typischen WT-Begründungen, die mich längst schon anödeten. Er hielt in den nachfolgenden Monaten sein Versprechen, meine Kritiken wurden nicht gegen mich verwendet. Ich ging ähnlich der schon genannten Studenten vor. Die Wunden der Gesellschaft peilte ich an, und bohrte. Gleichzeitig konnte ich meinen Frust abbauen. Der Mann ertrug dies alles mit erstaunlicher Fassung. Gerade diese häufigen Besuche und Briefe waren in meinem Fall völlig kontraproduktiv. Ganz im Gegensatz zu den Erwartungen der WT-Leute fühlte ich mich jedesmal nur noch mehr bestätigt.

Heute ist Gerrit im höchsten Gremium des „Tempels“, wie die Zentrale von Egon einmal respektlos genannt wurde. Vielleicht wird er sogar noch Präsident der Gesellschaft. Im WT vom November 1994 war zu lesen:

 

Leitende Körperschaft erweitert: Um die Besetzung der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas zu erweitern, wurde den 11 Ältesten, die ihr gegenwärtig angehören, mit Wirkung vom 1. Juli 1994 ein weiterer hinzugefügt. Es handelt sich dabei um Gerrit Lösch. Bruder Lösch begann am 1. November 1961 mit dem Vollzeitdienst und besuchte die 41. Klasse der Wachtturm-Bibelschule Gilead. Von 1963 bis 1976 stand er in Österreich im Kreis- und Bezirksdienst. 1967 heiratete er, und gemeinsam mit seiner Frau Merete gehörte er später 14 Jahre lang zur österreichischen Bethelfamilie in Wien. Vor vier Jahren wurden sie ins Hauptbüro der Gesellschaft in Brooklyn (New York) versetzt, wo Bruder Lösch seither in der Verwaltung sowie als Gehilfe des Dienstkomitees tätig gewesen ist. Nicht zuletzt dank seiner vielfältigen Erfahrung im europäischen Gebiet und seiner Sprachkenntnisse in Deutsch, Englisch, Rumänisch und Italienisch wird er einen wertvollen Beitrag zu der Arbeit der leitenden Körperschaft leisten.

 

Während Gerrit die WTG-Karriereleiter hinauffiel, ging es bei mir genau umgekehrt. Der Monolith in Brooklyn hat sich mit Gerrit einen fähigen Mitarbeiter geholt, intelligent und ergeben. So ist er ein guter „Diener seines Herrn“, mit solchen können Körperschaften à la WTG noch viele Jahre weiterbestehen.

Wir Kritiker und Zweifler vereinbarten, künftig noch schweigsamer zu sein. Den „treuen“ Kollegen sollte kein Anstoß geliefert werden. Richard meinte einmal, daß wir eigentlich mit diesen Leuten viel zu rücksichtsvoll umgingen. Umgekehrt kennen die kaum einen Pardon. Ich war bemüht, keinen Gemeinschaftsentzug zu provozieren. Die Zusammenarbeit mit ZJ-Kollegen in der Firma sollte nicht gestört werden. Mit ihnen keine religiösen Gespräche zu führen, war dabei eine notwendige Voraussetzung.

Um eine Art Bestätigung für mein bewußtes Abwenden von der WTG zu haben, fotokopierte ich etliche spezielle Zitate aus der WT-Literatur. Eines Tages besuchte mich im Büro ein ZJ, mit dem wir geschäftlich zusammenarbeiteten. Er kam dabei schnell zu seinem persönlichen Anliegen: „Du hast doch seinerzeit mitgeholfen, daß ich zu den ZJ ging und nun hörte ich, du habest sie verlassen. Was ist dein Grund dafür?“ Ich wollte nicht, daß mein ZJ-Kollege, der sich im gleichen Zimmer befand, meine Antwort hörte. Daher griff ich in die Schublade und überreichte wortlos die Collage mit den WT-Zitaten. Bruder S. blätterte lange darin und runzelte dabei die Stirn. Dann gab er mir die Blätter zurück und verabschiedete sich ziemlich abrupt.

 

Etwa zwei Wochen später, am Abend. Ich saß mit meiner Frau gemütlich vor dem Fernsehapparat beim Gläschen Wein, da klingelte es an der Tür. Meine Frau öffnete, draußen standen zwei Brüder vom Komitee unserer Versammlung. Sie wollen mit mir alleine sprechen. Meine Frau mußte ins Nebenzimmer gehen. Nach einigen Höflichkeitsfloskeln kamen die Männer zur Sache: „Wir wurden beauftragt, bei dir nachzufragen, welche Schriften du verbreitest?“ Auf meine Gegenfrage, welche Art „Schriften“ sie meinen, wurde so beantwortet, daß sie eben hier seien, um dies von mir zu erfahren. Ich konnte ihnen wirklich nicht weiterhelfen, denn ich hatte bis dahin noch nie WTG-“verbotene“ Schriften verteilt. Dann gaben sie zu, vom Bethel den Auftrag erhalten zu haben, mich das zu fragen. Es war ihnen sichtlich unangenehm.

Ganz anders empfinden die Leute vom Bethel. A., ein Bezirksaufseher und führender Mann im Bethel besuchte mich und kam im Vorraum schnell auf den Punkt. „Würdest du dich zu einer Komiteesitzung einfinden?“ Auf meine Frage, was man mir denn vorwerfe, beantwortete A., daß man Kenntnis von meinen WT-Auszügen besaß. Es wurde dabei auch der Name meines Besuchers im Büro, Bruder S., genannt. Ich bestand darauf, daß dieser bei der Sitzung als „Zeuge“ zur Verfügung stehen müsse. Das wurde etwas zögernd akzeptiert, danach wurde ein Treffen im Königreichssaal vereinbart, dann rauschte A. ab.

 

An einem kalten Februarabend war es so weit. Nach langer Abwesenheit kam ich wieder in meinen zuständigen Versammlungssaal. Das Gericht konnte beginnen. Den Vorsitz führte überraschenderweise A. vom Bethel, mein zuständiger Versammlungsaufseher war nicht anwesend. Das entspricht nicht der Norm. Anscheinend ist das heute „oberste Kommandosache“, dachte ich mir. Ein sehr verlegen wirkender Bruder S., auf dessen Anwesenheit ich bestanden hatte, nahm ebenfalls Platz. Insgesamt waren wir fünf Personen. Dann wurden die Anklagegründe genannt: „Warum hast du Bruder S. Schriften gezeigt?“ Zuerst verlangte ich eine Klarstellung und fragte S., ob ich ihn, oder er mich besucht habe. S. erzählte, wie es war. Dann stellt ich die Frage: „Habe ich dir denn unaufgefordert etwas gezeigt?“ S. beantwortete alles den Tatsachen entsprechend. Jetzt wandte ich mich an A. und fragte, was man eigentlich von mir wolle. Dies wurde so beantwortet: „Du hast S. total verwirrt und im Glauben geschwächt“. Ziemlich erstaunt erwähnte ich nur, daß ich S. doch nur Teile der WT-Literatur gezeigt habe. Nun kam die altbekannte Antwort: „Diese Zitate waren sicherlich aus dem Zusammenhang gerissen“. Eine kuriose Entwicklung des Gesprächs begann. A. fragte, wie ich eigentlich dazu käme S. solche Zitate zu zeigen. Da wandte ich mich an S., dieser bestätigte seine an mich gestellte Frage wegen meines Fernbleibens von den Versammlungen. Da meinte A. zu mir: „Du bist doch ein reifer Bruder, im Gegensatz zu S., der ist ja noch ein Neuling, warum mußtest du ihn so verunsichern!“. Wieder fragte ich S., ob er denn regelmäßig die Zusammenkünfte besuche. Nachdem er zögernd bejaht hatte, sagte ich zu A.: „Also S. besucht regelmäßig die Zusammenkünfte, ich bin aber schon viele Monate nicht mehr in diesem Saal gewesen, jetzt frage ich euch: Wer von uns beiden ist wirklich der ´Reifere´?“. Nun war ich richtig in Fahrt.

 

Den Höhepunkt lieferte A. mit der Feststellung, ich müsse doch nicht jede Frage – etwa wie S. sie mir im Büro stellte – beantworten. Auf diese Argumentation war ich vorbereitet. Ich holte aus meiner Tasche einen „Redeplan“ für Vortragsredner, der in Brooklyn verfaßt wird. Das Thema meines Vortrags hatte gelautet: „Immer die Wahrheit sprechen“. Aus dem Redeplan las ich folgende Passage:

 

Wir müssen der Wahrheit gemäß reden, keine Tatsachen vor denjenigen, die es wissen sollten, zurückhalten.

Unsere Brüder verdienen es, die Wahrheit zu hören, und sollten niemals irregeführt werden. (Lies Sacharja 8:16)

Selbst wenn man Tatsachen verheimlicht, kann man Dingen eine andere Bedeutung geben: könnte zu Streit und Kummer unter Brüdern führen. Mag Zeit und Übung erfordern, zu lernen, in dem was wir sagen, ehrlich und freimütig zu sein; ist der Welt gegenüber ein Kontrast.

 

Die Kernaussagen solcher Stichwörter sind für Vortragende verbindlich. Meine Ankläger saßen mir jetzt ziemlich ratlos gegenüber. Sie durften doch nicht dem aus Brooklyn stammenden Rat widersprechen.

Schnell zogen sie sich dann zur Beratung zurück. Diese Vorgangsweise erinnert an ein weltliches Gericht. Meine Richter ließen mich lange warten. Sie schienen uneinig zu sein und entließen mich schließlich ohne ein Urteil zu fällen. Erst am nächsten Tag wurde mir an meiner Wohnungstüre mitgeteilt: „Wir haben dir die Gemeinschaft entzogen!“. Ich bin in diese Gemeinschaft zwar nie als Mitglied eingetreten, nun bin ich aber als Übeltäter hinausgetreten worden.

Ich kannte die Regeln der WTG ziemlich gut, saß ich doch einige Jahre auf der anderen Seite, nämlich auf dem Ankläger- und Richterstuhl. Diese Verhandlung hat ganz objektiv keinen Ausschluß gerechtfertigt, davon war ich überzeugt. Ich mußte dabei auch an die lästerliche Behauptung der WT-Leute denken, daß Ausschlüsse vom „heiligen Geist“ gelenkt seien.

 

Meine Kollegen in der Firma – die altgedienten ehemaligen Zweigaufseher – bestätigten mir, ein solcher Ausschluß sei auch nach WTG-Statuten ungerechtfertigt. Sie meinten, ich möge doch gleich Berufung gegen dieses Urteil einlegen. Davon war ich weit entfernt.

Mir werden es viele nicht glauben, aber dieser Rausschmiß aus „Jehovas Organisation“, verschaffte mir große Erleichterung. War ich doch schon seit Monaten innerlich sehr zerrissen. Der Streß des Alltags, ferner im Beruf, dann die Unsicherheit, ob ich mit der Kritik und dem Abwenden von der WTG, nicht eine große Dummheit begehe. Bin ich Jehova untreu geworden? All diese Fragen belasteten mich Tag und Nacht. Mein Glück war, daß auch meine Frau all die Ungereimtheiten innerhalb dieser Gemeinschaft registrierte. Eigentlich verließen wir „die Wahrheit“ schon Monate vor meinem Ausschluß. Mir sind auch genug Fälle bekannt, wo Ehen zwischen Aussteigern und „Treuen“ zerbrechen.

Auch die Atmosphäre in der Firma mit den ZJ-Kollegen wurde immer gespannter. Gut war, daß die Firmenleitung auf meiner Seite stand. Kollegen, die nicht den ZJ angehörten, aber zwangsläufig meine Exkommunikation mitbekamen, konnten dieses „christliche“ Verhalten überhaupt nicht verstehen. Diese Gemeinschaft ist auf ihren guten Ruf bedacht, da bleibt kein Platz für Nörgler wie mich. Die Organisation benötigt ihre künstliche Reputation, das erfordert eben strenge Maßnahmen. Alles zur Ehre Jehovas.

Der ZJ-Mitarbeiter in meiner Abteilung sagte mir mit ernster Miene: „Du machst dir´s aber leicht!“. Da mußte ich ihn gleich berichtigen, mein Ausstieg aus dieser Organisation geschah keineswegs unüberlegt. Ein weiterer Verbleib hätte mich in noch größere Gewissenskonflikte gebracht. Das können linientreue Mitläufer kaum begreifen. Daher vermied ich jede Diskussion mit den ZJ-Kollegen, ich erkannte, daß dies auch völlig zwecklos war. Den Glauben an Gott und die Bibel wollte ich unbedingt aufrechterhalten. Aber wie und wo konnte ich das künftig durchführen? Vielleicht im Alleingang?

Peter, ein anderer ZJ-Firmenkollege, schrieb mir einen längeren Brief und schnitt dabei die neue Situation an:

 

Es war tatsächlich nur eine Frage der Zeit, daß der „Stein“ ins Rollen kommt. Die ganze Entwicklung und Dein Verhalten gestaltet sich wie in hunderten Fällen vorher. Wenn ich daran denke, daß wir vor vielen Jahren gemeinsam getauft wurden!

Wie kann ich mit Dir Jehova besser dienen als bisher, wenn ich nicht zum „Zeugnisgeben“ eingeladen werde, wenn ich nur einmal im Jahr eine „Anleitung“ erhalte und nicht so oft ich will, in der Gemeinschaft gleichgesinnter Menschen sein kann?

Es stimmt, daß sich die „Ältesten“, welche offiziell sprechen, oft geirrt haben – so wie wir – weil sie Menschen sind – so wie wir – obwohl sie den Geist Gottes haben – so wie wir – oder nicht so wie wir? Soll ich glauben, daß Du Gott nicht liebst – nein, also warum soll ich glauben, daß die Brüder nicht Gott lieben? Du und ich, wir könnten einmal zu den „Elfen“ [leitende Körperschaft] gehören. Du und Deine Freunde bieten einfach nicht das, was Z.J. bieten. Vielleicht wirst Du, oder werdet Ihr einmal besser, obwohl ich keinen biblischen Hinweis dafür kenne, dann schließe ich mich gerne an. Allein würde ich den Glauben verlieren und „Religionsgründer“ zu sein, erwartet Jehova nicht von jedem.

 

Gerade der letzte Satz in Peters Brief, zeigt deutlich die Probleme der Zweifler. „Ohne Organisation glaube ich nicht!“. Das bekomme ich immer wieder zu hören. Ohne Ketten und Fesseln der „Gurus“ geht es direkt in die Glaubenslosigkeit. Diese Denkart ist sehr bedenklich, fraglich ist auch die Qualität des Gottesglaubens! Viele bleiben mit allen ihren Zweifeln an den Stühlen der Königreichssäle kleben. Sie kommen von dort einfach nicht mehr los. Die Menschen sind „sektensüchtig“ gemacht worden, und diese Sucht hält sie fest.

Auch Schwester K. aus Bratislava – meine geheime Literaturempfängerin jenseits der Grenze – schrieb mir einen sechsseitigen Brief, da bekam ich „Saures“:

 

Du warst bei der Wahrheit, aber nicht  i n  der Wahrheit. Denn an Jehova Gott zu glauben, durch seinen Sohn Jesus Christus, bedeutet ihn erkennen, sein Vorhaben usw. Also zweifelst Du daran, daß Gott Jehova eine irdische Organisation hat (wie eine himmlische). Gegründet durch Gottes Geist, durch Jesus Christus, deren erste Mitglieder die Apostel waren. Und nun geschieht dies weltweit, da stoßen sich Menschen daran, indem sie es beurteilen, Fehler kritisieren, dabei vergessend, daß sie Jehova Gott und Jesus Christus kritisieren. In deren Auftrag geschieht das Werk heute. Jetzt Jehova Gott und seinen Anweisungen durch seine Organisation ungehorsam zu sein, bedeutet Tod. Denn es heißt, es ist furchtbar in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.

Lieber Gerd, wie würde ich mich freuen, um Jehovas willen, wenn Du den Weg zu Jehova, im Vertrauen auf sein Wort, finden würdest. Denn er ist ein barmherziger liebreicher Vater und gerne bereit seinen Kindern zu helfen und zu vergeben. Und dies können wir nur in Gemeinschaft mit Gottes Volk und seiner Organisation tun. Ringe danach in die neue Weltordnung einzugehen… In diesem Sinne wünsche ich, daß Du Jehova bittest, er soll Dir helfen, daß Du wieder ganz zu ihm zurückkehrst, nicht mit Worten, sondern in der Tat.

 

Solche „Ermunterungen“ empfand ich wie Tiefschläge. Solche Ratschläge waren mehr Schläge als Rat und gingen gänzlich an den Tatsachen und meinen Problemen mit der WTG vorbei. Der Monolith „Organisation“ war nun endgültig und krachend zu Boden gestürzt, eine Rückkehr zu ihm, wurde durch solche „ermunternden“ Briefe nur noch unwahrscheinlicher. Langsam verringerten sich auch die Ausstiegsbelastungen.

 

Ist die WTG nur „ein kleineres Übel“?

 

Viele ZJ bezweifeln längst die hohen Ansprüche ihrer Gemeinschaft, die Realität bleibt ihnen nicht gänzlich verborgen. Jedoch ist ihr soziales Umfeld nur auf diese Gruppe konzentriert. Verwandte, Freunde, viele davon sitzen mit ihnen im vertrauten Kreis der Mitbrüder und -schwestern. Verwandte, die nicht dazugehören sind längst zu Fremden, wenn nicht gar zu Feinden, geworden. Der Ausstieg – oder noch schlimmer: der Ausschluß – aus diesem geistigen Ghetto führt oft in die Vereinsamung. Dabei spielt sich in den Sekten nur allzu Bekanntes ab. Das gibt und gab es längst. Viele Jahrhunderte lang!

Während z.B. in der Politik die Unterstützung kleinerer oppositioneller Gruppen und Parteien nur als „Denkzettel“ an die Adresse der großen Etablierten gedacht ist, erfolgt mit dem Anschluß an eine Sekte zumeist eine sehr tiefe Bindung, in vielen Fällen eine fast unauflösliche. Das hat viele Gründe. Politische Oppositionsgruppen leben von der Kritik an den etablierten Parteien, sind gleichzeitig der öffentlichen Kritik ausgesetzt. Sekten leben von der Kritik an den etablierten Kirchen, schotten sich jedoch gegen jede Kritik von innen und außen hermetisch ab. Eine Sekte überschüttet ihre religiöse Konkurrenz gleich kübelweise mit spitzer Polemik bei gleichzeitiger Beweihräucherung des eigenen Werkes.

Schwarzweißmalerei schafft die „richtige“ ideologische Ausrichtung. Das alte Schema: „Hier Organisation Jehovas“ – dort „Organisation Satans“, das ist bei ZJ längst bewährte Tradition. Sie liefern dafür auch die passenden „biblischen Vorbilder“ in Gestalt alttestamentlicher Persönlichkeiten: Da wird der böse König Saul zum „Bild der Christenheit“ hochstilisiert, die ja immer „Jagd auf David“ macht, durch den sich die ZJ dargestellt meinen. Nur sie sprechen „die reine Sprache“ der Wahrheit, während sie Gott „Schulter an Schulter“ dienen. Obwohl solches Freund/Feind-Denken weder sachgerecht noch christlich ist, scheinen nicht wenige – mit den Kirchen unzufriedene – Menschen auf derartige Sirenenklänge hereinzufallen. Viele der Neugewonnenen bleiben in den Fängen der Sekte. Wie ist das möglich?, so werde ich oft gefragt. Es ist m.E. im wesentlichen die Frucht der erwähnten Taktik: Dauernde Verunglimpfung anderer Christen, bei gleichzeitiger Hervorhebung der eigenen Vorzüge und Verschleierung der Schwächen. Die Sekte züchtet sozusagen einen Menschentyp, der – einem Sportfan vergleichbar – ganz in seiner Mannschaft aufgeht, der alles Tun der eigenen Mannschaft rosarot sieht, das der Gegner dagegen Grau in Grau. Ein Versagen des Gegners wird mit gellenden Pfiffen quittiert; Fehler der eigenen Mannschaft geflissentlich übersehen. Weisen andere auf letztere hin, betrachtet man sie als ungerecht und parteiisch. Was in der Welt des Sports belächelt oder zumindest als harmlos betrachtet wird, kann sich für Christen geradezu lebensgefährlich auswirken: Jesus hat denen, die anderer Leute Fehler dick ankreiden, die eigenen aber zu vertuschen suchen, ins Stammbuch geschrieben: „Verurteilt nicht, damit ihr nicht verurteilt werdet. Denn mit dem Urteil, mit dem ihr urteilt, werdet ihr verurteilt werden; und mit dem Maß, mit dem ihr meßt, werdet ihr gemessen werden“ (Matth.7,1.2). Der Apostel Paulus ist dem Herrn Jesus in dieser Einschätzung des „Richtgeistes“ gefolgt und schrieb deshalb an die Christen in Rom:

 

„Darum bist du ohne Entschuldigung, o Mensch, der du richtest, wer du auch bist. Denn worin du den andern richtest, darin verdammst du dich selbst, weil du dasselbe tust, was du verurteilst“ (Röm.2,1).

 

Herrschen und Richten, das ist die Konsequenz eigenwilliger Bibelauslegung und angstmachender Enderwartungen. Wer „wahrer“ Christ ist, bestimmt die Sekte. Wer draußen ist, bleibt auf der Strecke. Durch das weltweite Predigtwerk wird schon entschieden, wer „Weizen“ und wer „Unkraut“ ist, und „Jehova“ hat das gefälligst zu respektieren, möchte man scherzhaft hinzufügen. Ohne Bild gesprochen: Solange diese Weltzeit nicht abgelaufen ist und wir daher fortfahren zu beten „Dein Reich komme!“, werden Gläubige und Ungläubige, Heilige und Heuchler nebeneinander leben. Alle Versuche, vorzeitig „das Unkraut vom Weizen zu scheiden“, werden dazu führen, daß man mit dem Unkraut den Weizen ausrauft, wie die Geschichte der Inquisition und Ketzerverfolgung ebenso belegt wie die des ZJ-„Gemeinschaftsentzugs“. Daher mahnte der Apostel Paulus: „Richtet nichts vor der Zeit“. (1.Kor.4,5).

 

Die WT-Führer und ihre Oberfunktionäre richten nicht nur, sie herrschen auch schon vor der Zeit! Das ist eine der verhängnisvollsten Folgen übereilter Vorausdatierung für das Weltende und das Kommen des Reiches Gottes! Denn im kommenden Reich Gottes sollen ja – nach Paulus – „die Heiligen die Welt richten“ (1.Kor.6,2) und – nach der Offenbarung des Johannes – werden sie „Priester Gottes und Christi sein und mit ihm (d.h. mit Christus) regieren“ (Offbg.20,6; 22,5). Ist nun aber der Herr Jesus Christus schon wiedergekommen, um sein Reich aufzurichten, sei’s 1874 (nach alter WT-Chronologie) oder im Jahre 1914, was liegt näher, als daß diejenigen, die es so sehr eilig haben, heute schon mit dem Herrschen und Richten beginnen! Solche Leute gab es schon zu Lebzeiten des Apostels Paulus. In der Gemeinde der Thessalonicher behaupteten einige, der „Tag des Herrn“ sei schon da (2.Thess.2,2), und in Korinth fingen manche offenbar (mit der gleichen Begründung?) zu herrschen an. Deswegen begegnet ihnen der Apostel mit beißendem Spott und zugleich mit aller Deutlichkeit: „Ihr seid wohl schon satt, ihr seid schon reich geworden! Ihr seid schon ohne uns Herrscher geworden…“ (1.Kor.4,8). Die vorzeitige, also zu Unrecht angeeignete Herrschaft ohne Christus und die Apostel, hat immer antichristlichen Charakter. Das ist usurpierte Macht und somit unchristlich, da es einen absoluten Untertanengeist von ihren Anhängern fordert. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß die WT-Führung ihre Theokratie unter permanenter Benutzung des Namens Jehova „feiert“. Ein Fest, das die Israeliten seinerzeit begingen – bekannt durch den damit verbundenen „Tanz um das goldene Kalb“ – wurde von ihnen ausdrücklich als „ein Fest dem Jehova“ deklariert. Der antichristliche Charakter wird auch dadurch unterstrichen, daß Loyalität der Organisation gegenüber gleichgesetzt wird mit der Treue zu Gott. Im WT vom 15.1.1968 wird das besonders deutlich. Die Überschrift: „EINHEIT DURCH UNTERORDNUNG“. Nach dem Vorbild politischer Diktaturen dieser Welt werden die Massen auf die Anweisungen des Diktators eingeschworen, bei Abweichungen erfolgen Sanktionen. Schon vor potentieller Mißachtung der – als Ratschläge verharmlosten – Anordnungen wird mit drohenden Worten gewarnt:

 

„Ratschläge zu übersehen, die jemandem vom Hauptbüro oder von den Dienern der Ortsversammlung zugehen mögen, wäre Nachlässigkeit und ein Zeichen der Mißachtung theokratischer Autoritäten“ (WT, 1.7.1957, S. 409).

 

Diese Grundeinstellung der WTG hat sich bis heute überhaupt nicht geändert: „Zu Jehova halten heißt zur Organisation halten.“ Dazu gehört auch, wie es eine Illustration im Wachtturm vom 15.3.1986 zeigt, daß man „die Schriften Abtrünniger“ vernichtet: Eine Zeugin wirft eine Aufklärungsschrift ungelesen in den Papierkorb, im Hintergrund ist noch der Postbote zu sehen. Auf Seite 13 der genannten WT-Ausgabe heißt es sogar: Schriften Abgefallener kämen pornographischen Schriften gleich! Ist es – nach allem – noch erstaunlich, daß die so zur Räson Gebrachten nur noch die Schriften des selbsternannten treuen und verständigen Sklaven lesen und Literatur Andersdenkender meiden wie die Pest? Besonders die Schriften ehemaliger Zeugen könnten die Augen öffnen, man erfährt plötzlich, was dieser Sklave im Laufe seiner Geschichte prophezeite und später uminterpretierte. Ein ZJ könnte dabei ins Schleudern kommen, wenn ihm oder ihr aufgeht, wie diese Gesellschaft – die sich als Hüterin der Wahrheit aufspielt – ihre eigene Geschichte fälscht. Er (oder sie) könnte an der Honorigkeit der WTG irre werden, sobald sich zeigt, daß sie erst nach dem vielfältigen Bekanntwerden ihrer Falschprophezeiungen überhaupt zu dem Eingeständnis bereit war, das „neue System früher erhofft“ zu haben, als dies nach Jehovas Zeitplan vorgesehen ist. Laut WT kommt dann die Schlußfolgerung: „Die Beweise liegen auf der Hand, daß sich Jehova seiner einen Organisation… bedient hat und weiterhin bedienen wird.“

 

Nach meinem Ausschluß hatten auch andere ZJ in meiner Umgebung den Entschluß gefaßt, die Organisation zu verlassen. Wir Gleichgesinnten hatten es relativ leicht, das ernsthafte Prüfen der WTG-Lehren wurde mit kompetenten Gesprächspartnern durchgeführt. Dabei bremsten wir uns oft gegenseitig. Es wäre auch völlig unvernünftig, aus dem WTG-Lügengespinst hinauszugehen und dann Opfer der eigenen Phantasie zu werden. Das hielten wir uns immer vor Augen, und das tun wir heute noch.

Ein häufig von ZJ vorgebrachter Einwand ist: „Ich bleibe beim kleineren Übel“. Für sie gibt es keinerlei Alternative zu ihrer Organisation. Da höre ich auch folgendes: „Die anderen Gruppen sind ja weit schlimmer als wir, dort gibt es nur falsche Lehren und unsittliche Leute. Daher bleibe ich lieber in meinem vertrauten Umfeld, wenn ich irgend einmal eine komische Ansicht lese oder höre, dann denke ich mir eben meinen Teil“. Mein Kollege in der Abteilung sagte mir: „Bedenke, wo es Menschen gibt da menschelt es“. Was ist das doch für ein Leben „in der Wahrheit“, hier betrügen sich die Mitläufer selbst, um ja nicht aus der trügerischen Geborgenheit gerissen zu werden.

Kann es wirklich das „kleinere Übel“ sein, einer Organisation anzugehören, die sich bzw. ihre Führung an die Stelle Christi setzt? Die sich in simplifizierender Weise ständig selbst beweihräuchert, alle andern aber verurteilt zur Vernichtung in Harmagedon. Die unter Mißbrauch des heiligen Gottesnamens ihre Macht etablierte und immer weiter zu entfalten sucht, nach Art der Herrscher dieser Welt, obwohl Jesus warnte: So soll es unter euch nicht sein! Die mit unbeschreiblich selbstgefälligem Moralismus so tut, als könne man durch ausgefeilte Gemeinschaftsentzüge schon in dieser Weltzeit eine reine Gemeinde schaffen. Ausgerechnet die Zugehörigkeit zu dieser Organisation soll das „kleinere Übel“ sein?

 

Angst vor „Liebesverlust“ führt zu Schuldgefühlen

 

Die Freiheit kostet ihren Preis. Nicht mehr „dazugehören“, ist eine schmerzvolle Erfahrung. Es kommen nicht mehr Gleichgesinnte zu dir und sagen das übliche „Grüß Dich!“. Der Ausstieg ist daher mit Liebesverlust verbunden. Zur „Bruderliebe“ benötigt man natürlich den passenden Bruder. Es treten nach der Befreiung einige Probleme auf, am schlimmsten die Angstgefühle. Ein junger Aussteiger mußte psychisch therapiert werden. Er träumte des Nachts von Harmagedon und sah dabei gewaltige Felstrümmer auf sich fallen. Seine Mutter, die bei den ZJ blieb, zahlte ihm die Kosten für den Psychotherapeuten.

Die Organisation Jehovas will keine mündigen Anhänger, sie will abhängige. Es gibt Erwachsene, die Jahrzehnte dabei sind und nie richtig „großjährig“ werden. Da besteht ein kontinuierlicher Zustand kindlicher Abhängigkeit. Bricht jemand aus, dann zerbrechen unweigerlich auch einige Freundschaften. Die darauf folgende Einsamkeit kann quälend sein. Aber das gehört zum Entwicklungsprozeß auf dem Weg zum „erwachsen werden“. Erlernbar ist die Beseitigung der Angst vor Veränderungen. Dies schaffen zwar – wie ich inzwischen aus Erfahrung weiß – nicht alle Aussteiger und bleiben dann mit ihren Ängsten allein. Das ist der Grund warum viele der Organisation „treu“ bleiben und sie bleiben gleichzeitig mit sich selbst unzufrieden. Ein guter Nährboden für psychische Probleme.

Ich merkte erst viel später, auch ich blieb nicht ganz ungeschoren vom psychischen Druck und kleinen Ängsten. In dieser Organisation wird man nicht „auferbaut“, eher „verbaut“. Vergleichsweise denke ich dabei immer an den schiefen Turm zu Pisa. Den kann man zwar mit Betonspritzen vor dem Einsturz bewahren, aber die schiefe Lage bleibt. Auch ein „altgedienter“ Zeuge wird seine Vergangenheit nie völlig los. Die „Droge“ zeigt Langzeitwirkung. Viele Fachleute meinen, die Aussteiger sollten „deprogrammiert“ werden, da mag einiges dran sein. Viele Außenstehende fragen mich häufig, wie wird eine gottsuchende Person überhaupt derartig verbaut, um am Ende einen Psychotherapeuten zu benötigen.

 

Eine „christliche“ Religion, die krank macht?

 

Wer in die Versammlungen der ZJ geht und mit ihnen in den Predigtdienst zieht, kommt ja nicht aus einem ruhigen Schlaraffenland, in dem den behaglich Schnarchenden die gebratenen Tauben sozusagen in den Mund fliegen. Auch ZJ leben mitten in unserer Leistungsgesellschaft, in der nur Tüchtige und Fleißige zu etwas kommen, alle anderen dagegen bleiben auf der Strecke. Schon in der Schule fängt es an: Kannst du was, leistest du was, so wirst du was. Wer versagt, „versaut“ sich u. U. schon hier das ganze Leben. In der Zeit der Berufsausbildung setzt sich das Leistungsprinzip verstärkt fort und hält bis zur Erreichung der Altersgrenze an. Längst wurde das darwinsche biologische Prinzip der „natürlichen Auslese“ und vom „Überleben des Stärkeren“ auf das Gebiet des Soziologischen übertragen: Freie Bahn dem Tüchtigen! – Dem Versager der Untergang! Kommen nun Menschen aus einer so geprägten Leistungsgesellschaft in die ZJ-Bewegung, potenziert sich der Streß: Zur Werktagshektik am Arbeitsplatz oder der Schule kommt die Abend- und Wochenendhektik. Die zahlreichen wöchentlichen Zusammenkünfte müssen regelmäßig besucht werden, vor allem aber der Predigtdienst für Jehova, ohne den niemand das Ende dieses bösen Systems der Dinge überleben kann, erfordert viel Zeit und Kraft. Neben dem Dienst von Tür zu Tür ist „Straßendienst“ zu leisten, Rückbesuche und Heimbibelstudien bei interessierten Leuten stehen auf dem Wochenplan jedes einzelnen ZJ. Welcher gesunde Mensch kann solche Doppelbeanspruchung – durch die weltliche und theokratische Leistungsgesellschaft – auf die Dauer durchhalten, ohne schwere psychische Schäden davonzutragen? Wieviel mehr kommen Menschen mit labiler psychischer Konstitution durch solchen Mehrfachstreß an den Rand des Nervenzusammenbruchs! Außenstehende äußern gelegentlich den Gedanken, Jehovas Zeugen seien wohl ausschließlich auf Erfüllung ihrer religiösen Pflichten bedacht, während sie ihre irdischen Aufgaben vernachlässigen. Gerade das sollen sie nach offizieller Lehre nicht. Zwar wird die weltliche Arbeit gegenüber der theokratischen auf den zweiten Platz gerückt, doch werden sie ermahnt, auch diese so gewissenhaft wahrzunehmen, als wäre sie für Jehova getan.

 

Der Neuling, der diese Organisation ja nur aus deren Selbstdarstellung und von ihrer „Schokoladenseite“ her kennt, mag es tatsächlich noch als Glück empfinden, ZJ zu sein. Je länger Menschen jedoch dabei sind, desto mehr leiden sie unter dieser Täuschung, unter der Nichtübereinstimmung mit dem, was man ihnen vor Augen gemalt hat. Auf einer Seite stehen ungezählte Vorträge, Gespräche und illustrierte paradiesische Bilder der WT-Schriften und auf der anderen Seite die rauhe Wirklichkeit. ZJ reagieren ganz unterschiedlich auf diese „Ent-Täuschung“. Genau genommen muß ein ZJ in doppelter Hinsicht mit der Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit leben: einmal in bezug auf die Organisation, dann aber auch im Hinblick auf sich selbst als Person. In bezug auf die Organisation: In ungezählten Vorträgen und Artikeln der Zeitschriften hat man sie zum „geistigen Paradies“ hochgejubelt – völlig im Widerspruch zum real existierenden Organisationsbetrieb mit seinen stereotypen Zusammenkünften, den routinemäßigen Schulungsvorkehrungen und dem ständigen Wiederkäuen längst bekannter WT-Auslegungen. Der Vergleich mit dem unseligen „Arbeiter- und Bauernparadies“, der einstigen DDR, drängt sich hier wiederum auf. Dieses System sollte allem weit überlegen sein, was je ein Land seinen Bürgern an sozialer Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit zu bieten hatte. Dem standen jedoch der graue Alltag und die grausam harte Wirklichkeit des damals „real existierenden Sozialismus“ entgegen. Das Leben und Leiden unter diesem Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit hat dort – wie uns erst nach der Wende klargeworden ist – viele Menschen physisch und psychisch ungeheuer belastet. Sollte es sich unter ZJ anders auswirken, wenn die Wirklichkeit alle Ansprüche und Beteuerungen widerlegt? Da wirkt es wie Hohn, wenn gegen diesen für jedermann erkennbaren Widerspruch das alte ideologische Geschütz aufgefahren wird: In der Ex-DDR beteuerte man mit flotten Sprüchen: Wir folgen doch der reinen Lehre von Marx und Lenin. Bei den ZJ: Wir folgen doch der reinen Lehre der Bibel. Im WT-Originalton 1990: „Wir legen… die reine, unverfälschte Wahrheit der Bibel dar und bringen so einen lieblichen Wohlgeruch hervor, der für Gott… annehmbar ist“.

Wie der „Sozialismus“ den neuen – d.h. zugleich den besseren – Menschen zu schaffen versprach, so redet auch der „WT-ismus“ den ZJ ständig ein, sie seien im Vergleich zu den Leuten dieses alten bösen Systems die besseren Menschen, auf jeden Fall die „reinen, moralisch einwandfreien…“. Ich zitiere nochmals einen Satz aus dem WT:

 

„Diejenigen, die Jehova als Glieder seiner irdischen Organisation lobpreisen, sind reine, moralisch einwandfreie, gottergebene Menschen – in der Tat sehr begehrenswert“ (WT, 15.5.1988, S. 16).

 

Muß ein ZJ, der sich trotz aller WT -Indoktrination noch intellektuelle Redlichkeit und Ehrlichkeit bewahrt hat, diese Sätze nicht als geistige Hochstapelei empfinden? Wo ist auch nur ein einziger Mensch – auch unter ZJ – der rein und moralisch einwandfrei wäre? Die WTG lädt mit der Pauschalbeschreibung der ZJ als „rein“ und „moralisch einwandfrei“ diesen Menschen eine Bürde auf, die sie nie zu tragen, einen moralischen Anspruch, den sie nie erfüllen, eine Eliteillusion, der sie nie zu entsprechen vermögen. Zwischen Forderung und Realisierung klaffen Abgründe, angesichts derer die einen in die Selbstlüge oder Heuchelei flüchten, die anderen aber der Depression verfallen. Dieser Gegensatz zwischen Anspruch und Wirklichkeit und der daraus geborenen  A n g s t,  im Gottesgericht von Harmagedon vernichtet zu werden, erzeugt – über alles bisher Angeführte hinaus und zusätzlich zu allem anderen! – einen unerhörten psychischen Druck und damit einen negativen Streß, an dem sich die Seelen wund reiben. Es ist wie beim Hochsprung: Wer die Meßlatte zu hoch legt, bringt den Springer zu Fall!

Somit braucht niemand erstaunt zu sein, daß im vielgepriesenen geistigen Paradies der ZJ so viele an Depressionen, Neurosen und anderen psychischen Leiden erkranken. Manche flüchten in den Alkohol. Ich wundere mich nach allem, was immer mehr ans Licht kommt, daß es überhaupt noch psychisch gesunde ZJ gibt.

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2 Antworten zu Erinnerungen an eine autoritäre Religionsgemeinschaft

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